Bewertung:
(diese Rezension erschien erstmalig
im Vivatissimus)
Tonia Schachl hat sich mit ihrer
Dissertation zum Thema Transsexualität auf eine Entdeckungsreise begeben.
Auf unkonventionelle Art versucht sie, das ihr fremde Thema zu erschließen;
sie geht dabei zum Teil wie ein nicht-betroffener Durchschnittsmensch vor,
der über die Medien, besonders das Fernsehen Bilder von Transsexuellen
aufnimmt, zum Teil sehr wissenschaftlich analytisch.
So besteht das erste Kapiel aus
der Begriffserörterung von "Bild", "Sprache" oder "Metapher". Der
Bezug zu Transsexualität bleibt dem Leser bis zum Ende des Kapitels
leider verschlossen. Auch das folgende Kapitel, in welchem eine ORF 2-Talkshow
mit transsexuellen Gästen kommunikationswissenschaftlich betrachtet
wird, hat nur wenig mit Transsexualität an sich zu tun: lediglich
die eingeladenen Gäste sind teilweise transsexuell/transvestitisch
und in der Sendung selbst - aber nicht in der Analyse Tonia Schachls -
ist Transsexualität als Thema vorgegeben.
Kapitel III bis V sind dazu geeignet,
sich als Betroffener mit Schuldgefühlen herumzuplagen; werden doch
Transsexuelle mit Frankenstein verglichen, das Bild von transsexuell =
prostituiert und masochistisch dargestellt. Dabei gibt es nur selten Ansatzpunkte
für die Entpathologisierung von Transsexualität. Hier ist die
Autorin trotz ihrer Bemühung wissenschaftlich objektiv zu sein, wohl
ihren (?) subjektiven Vorurteilen und Abneigungen gegenüber Transsexuellen
erlegen.
Ab etwa der zweiten Hälfte
des Buches betrachtet Tonia Schachl vier Transsexuelle in Form einer Mischung
aus Interview-Stücken und deren Analyse. Da die Betroffenen bereits
in den Kapiteln zuvor in kurzen Ausschnitten zu Wort kamen, sind sie zu
diesem Zeitpunkt für den Leser keine Unbekannten mehr. Die Autorin
vermittelt einen umfassenden und teilweise durchaus gelungenen Einblick
in die Denk- und Sichtweise der einzelnen Personen. Warum sie allerdings
genau diese vier ausgewählt hat, bleibt leider im Dunkeln - hat sie
doch eine kriminell gewordene Transsexuelle als Interviewpartnerin gewählt.
Es soll zwar nicht abgestritten werden, dass Transsexualität auch
unter Straffälligen vorkommt, jedoch steht meiner Meinung nach deren
Zahl in keinem Verhältnis zum anscheinend repräsentativen Querschnitt,
welchen Tonia Schachl darstellen sollte.
Auf Grund der vielen Negativ-Darstellungen
und des wissenschaftlichen Anspruchs, der sich besonders in der Wortwahl
und den für den Laien oft nicht nachzuvollziehenden Gedankengängen
niederschlägt, ist das Buch leider nur einem kleinen Personenkreis
zu empfehlen. Es ist nicht geeignet, bei den unwissenden Verwandten unter
dem Weihnachtsbaum zu liegen, auch nicht, Transsexuellen irgendeine Art
von Lebenshilfe zu geben, aber auch nicht, um bei "den Profis" wie Ärzten,
Gutachtern oder Psychotherapeuten eine Verbesserung des Verständnissen
von Transsexualität zu bewirken. Die geschilderten und zum Teil auch
von Tonia Schachl selbst produzierten Klischees und Horrorszenarien sind
jedoch bestens dazu geeignet, gegen mögliche reale Angriffe abzuhärten
und einen eventuellen Besuch einer Talkshow zu vereiteln. Der Leser benötigt
aber oft ein Konversationslexikon um überhaupt einen Zugang zur spärlichen
und teilweise falschen Information über Transsexualität zu bekommen. |