Henrik aus München

 
 

Tonia Schachl: 

Transsexuell - eine sichtbare Bewegung ins Unsichtbare

Tonia Schachl: Transsexuell - eine sichtbare Bewegung ins Unsichtbare, Profil Verlag, München 1997; 294 Seiten, 56 DM, ISBN 3-89019-429-X
 
Bewertung:
(diese Rezension erschien erstmalig im Vivatissimus)

Tonia Schachl hat sich mit ihrer Dissertation zum Thema Transsexualität auf eine Entdeckungsreise begeben. Auf unkonventionelle Art versucht sie, das ihr fremde Thema zu erschließen; sie geht dabei zum Teil wie ein nicht-betroffener Durchschnittsmensch vor, der über die Medien, besonders das Fernsehen Bilder von Transsexuellen aufnimmt, zum Teil sehr wissenschaftlich analytisch.

So besteht das erste Kapiel aus der Begriffserörterung von "Bild", "Sprache" oder "Metapher". Der Bezug zu Transsexualität bleibt dem Leser bis zum Ende des Kapitels leider verschlossen. Auch das folgende Kapitel, in welchem eine ORF 2-Talkshow mit transsexuellen Gästen kommunikationswissenschaftlich betrachtet wird, hat nur wenig mit Transsexualität an sich zu tun: lediglich die eingeladenen Gäste sind teilweise transsexuell/transvestitisch und in der Sendung selbst - aber nicht in der Analyse Tonia Schachls - ist Transsexualität als Thema vorgegeben.

Kapitel III bis V sind dazu geeignet, sich als Betroffener mit Schuldgefühlen herumzuplagen; werden doch Transsexuelle mit Frankenstein verglichen, das Bild von transsexuell = prostituiert und masochistisch dargestellt. Dabei gibt es nur selten Ansatzpunkte für die Entpathologisierung von Transsexualität. Hier ist die Autorin trotz ihrer Bemühung wissenschaftlich objektiv zu sein, wohl ihren (?) subjektiven Vorurteilen und Abneigungen gegenüber Transsexuellen erlegen.

Ab etwa der zweiten Hälfte des Buches betrachtet Tonia Schachl vier Transsexuelle in Form einer Mischung aus Interview-Stücken und deren Analyse. Da die Betroffenen bereits in den Kapiteln zuvor in kurzen Ausschnitten zu Wort kamen, sind sie zu diesem Zeitpunkt für den Leser keine Unbekannten mehr. Die Autorin vermittelt einen umfassenden und teilweise durchaus gelungenen Einblick in die Denk- und Sichtweise der einzelnen Personen. Warum sie allerdings genau diese vier ausgewählt hat, bleibt leider im Dunkeln - hat sie doch eine kriminell gewordene Transsexuelle als Interviewpartnerin gewählt. Es soll zwar nicht abgestritten werden, dass Transsexualität auch unter Straffälligen vorkommt, jedoch steht meiner Meinung nach deren Zahl in keinem Verhältnis zum anscheinend repräsentativen Querschnitt, welchen Tonia Schachl darstellen sollte.

Auf Grund der vielen Negativ-Darstellungen und des wissenschaftlichen Anspruchs, der sich besonders in der Wortwahl und den für den Laien oft nicht nachzuvollziehenden Gedankengängen niederschlägt, ist das Buch leider nur einem kleinen Personenkreis zu empfehlen. Es ist nicht geeignet, bei den unwissenden Verwandten unter dem Weihnachtsbaum zu liegen, auch nicht, Transsexuellen irgendeine Art von Lebenshilfe zu geben, aber auch nicht, um bei "den Profis" wie Ärzten, Gutachtern oder Psychotherapeuten eine Verbesserung des Verständnissen von Transsexualität zu bewirken. Die geschilderten und zum Teil auch von Tonia Schachl selbst produzierten Klischees und Horrorszenarien sind jedoch bestens dazu geeignet, gegen mögliche reale Angriffe abzuhärten und einen eventuellen Besuch einer Talkshow zu vereiteln. Der Leser benötigt aber oft ein Konversationslexikon um überhaupt einen Zugang zur spärlichen und teilweise falschen Information über Transsexualität zu bekommen.

 
Erhältlich bei: Buchhandlungen
 
 
 

Viel Spass beim Lesen!

 
 
Diese Seite wurde im September 2002 erstellt von Henrik