| John Colapinto:
Der Junge, der als Mädchen aufwuchs, Goldmann Verlag, München,
2002; 286 Seiten, 8,90 Euro, ISBN 3-442-15118-X |
Bewertung:
Der Journalist John Colapinto erzählt
die Geschichte von David Reimer - der in der Fachliteratur berühmte
und oft angeführte Zwillings-Junge, der durch einen Unfall bei der
Beschneidung seinen Penis verlor und der daraufhin zum Mädchen "umoperiert"
wurde. Lange Zeit wurde sein Fall als ultimativer Beweis angesehen, dass
das Geschlecht eines Menschen ausschließlich durch die Erziehung
durch die Eltern und durch die Prägung durch die Umwelt/Gesellschaft
festgelegt wird. Der dabei federführende Psychologe John Money, eine
Kapazität auf seinem Gebiet, erlangte durch ihn weltweit Akzeptanz;
die operative Behandlung intersexueller Kinder wurde dadurch begründet.
Doch viele Jahres später führte David selbst den Gegenbeweis
an: er wurde zu dem, was er wirklich war: einem Jungen.
Das Buch ist kein Roman, sondern
die niedergeschriebene Recherche und Aufarbeitung des Falles David Reimer.
Dabei kommen erschütterliche Methoden der behandelnden Ärzte
ebenso ans Licht wie die eigentlich schon länger bekannten, jedoch
immer heruntergespielten Studien der Wissenschaftler, die entgegen der
breiten Meinung schon lange der Ansicht waren, dass das Geschlecht eben
nicht gemacht wird, sondern unveränderbar vorhanden ist.
Auch wenn das Buch eher für
Intersexuelle geschrieben ist, halte ich das Buch für sehr wertvoll
auch für Transmänner: es zeigt, wie sogar Wissenschaftler fanatisch
einer Idee anhängen können, und in der letzten Konsequenz ihre
vermeintliche Objektivität und Fachkompetenz in Frage zu stellen ist.
Für mich persönlich war es auch erschreckend, dass eben John
Money, dessen Studien und Ergebnisse immer noch in etlichen Fachbüchern
zitiert werden, der Hauptakteur ist - ich frage mich, ob nicht die ganze
Diskussion, dass das Geschlecht ein Konstrukt der Gesellschaft ist, falsch
ist? Zumindest David Reimer hat ja das Gegenteil bewiesen... |