Henrik's Transgender-Seite

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Vor dem Coming-Out

Ich war eigentlich schon immer irgendwie "komisch". Nur wusste niemand, warum das so war. Schon gar nicht ich selbst. Ich wollte nur nie diese doofen Rüschenblusen anziehen, hasste mein Erstkommunionkleid und fand meine halblangen Haare einfach zum Grausen. Kurz nach der Erstkommunion kam der Wischmop auch runter.
Und überhaupt: was sollte ich mit dem ganzen Mädchenkram? Wozu Stricken, Häkeln, Sticken? warum nicht Basteln und Roboter bauen? Warum durfte ich nicht zum Fussballspielen? Was sollte ich statt dessen in einem Kinder-Tanzkurs? Zum Glück konnte ich den Tanzkurs verhindern. Ich schielte dennoch immer neidisch auf all die schönen Dinge, welche die Jungs machen durften.
Ich orientierte mich meine gesamte Schulzeit hindurch eher an meinen Altersgenossen denn an meinen Altersgenossinnen. Das ging sogar so weit, dass man meine Gangart mir allein vom Hören her zuordnen konnte. War wohl ziemlich trampelig. Kleidungsmässig habe ich zuerst eine absolut peinliche Pink-Phase durchlitten, danach ging's zur Erleichterung meiner Mutter in das etwas erträglichere Schwarz über. Einige Monate später (Sommer?) wurde das auch wieder relativiert durch eindeutige Jungens-Klamotten, die alle in gedeckten Farben vorhanden waren. Ich hatte meine grundsätzliche Geschmacksrichtung gefunden!
Einen Lover hatte ich nie. Einerseits machte ich dafür in gewisser Weise meine Mutter verantwortlich - sie ist in unserer Ortschaft Lehrerin und somit bekannt wie ein bunter Hund. Dass keiner ihrer ehemaligen Schüler jemals wieder etwas mit seiner strengen Lehrerin zu tun haben will, ist klar. Dazu kam noch, dass ich nur sehr unaufgeklärt war. Aus heutiger Sicht kann ich es mir gut erklären: meine Mutter wusste selbst nicht sehr viel, war prüde erzogen worden und hat sich davon auch niemals befreien können. Einzige Informationsmöglichkeit für mich waren Zeitschriften wie "Bravo" oder "Mädchen". Warum ich keinen Freund hatte, liegt bestimmt auch daran, dass alle Jungs in mir höchstens einen Kumpel, aber nie eine potientielle Freundin sahen. Na, bei diesem Aussehen kein Wunder.
Irgendwie merkte ich bereits zu Ende meiner Schulzeit, dass ich mich allgemein zum Thema "Homosexualität" und schwulen Männern im Besonderen hingezogen fühlte. Sobald ich eine Story oder einen Roman darüber las, konnte ich mich so gut wie nirgendwo anders in die handelnden Personen hineinversetzen. Die Gefühle, die beschrieben wurden, konnte ich wesentlich besser nachfühlen als bei einer heterosexuellen Geschichte. Zu diesem Zeitpunkt fing ich an, mich selbst ein wenig für verrückt zu halten.
Als ich mit 22 Jahren zum Studium nach München zog, hatte ich das unwahrscheinliche Glück, genau im "schwulen Viertel" zu landen. Ich war zwar so schüchtern, dass ich selbst auf der Strasse nicht den Mut fand, einen von "denen" länger als eine halbe Sekunde lang zu betrachten - aber das Herzklopfen war da. In meinem Hals formte sich aber immer mehr ein dicker trauriger schwarzer Klumpen, dass ich wohl niemals dazu gehören würde. Schliesslich war ich ja kein Mann. Ich konnte nicht mehr erklären, was das Ganze sollte. War ich nun komplett bescheuert?
Im Grunde genommen kam das grosse AHA! kurz nach meiner Landung in München: ich bekam von der Viva ein Infoblatt in die Finger. Dort wurde irgendwas von "fühlt sich dem anderen Geschlecht zugehörig" oder so gefaselt. Wow! Das passte genau zu meinen Gefühlen!
Eine Adresse war auch angegeben - aber als ich ein halbes Jahr später verstohlen dort um die Ecken schlich und nachgucken wollte, ob ich jemanden sehe, waren das nur normale Wohnhäuser. Kein Klingelschild wies den Namen VIVA auf. Das Infoblatt hatte ich in einer Aufräumaktion versehentlich in den Müll befördert.
Gefrustet und auch ein wenig von mir selbst enttäuscht (zu blöd um sich selbst auf die Reihe zu kriegen), verwarf ich diese doofe Idee wieder. Garantiert bin ich nicht transsexuell, sondern einfach nur nicht richtig im Kopf. Warum sollte ausgerechnet ich so sein? Warum nicht einfach nur depressiv? Oder nicht ausgelastet? Oder notgeil? Andererseits: warum fühlte ich mich dann wie ein Mann?
Ein Jahr nach meinem Glückstreffer im Schwulenviertel zog ich in die Studentenstadt in den Norden Münchens. Ein eigenes Appartement! Nicht mehr Mädchenwohnheim mit Pinguinen, die keine Männer ins Haus lassen. Jippie!
Leider stellte es sich heraus, dass ich mich dort immer mehr in mich selbst zurückzog. Ich lebte in einer Traumwelt, dachte mir tolle Geschichen aus, generierte ganze Dynastien in meinen Gehirnwindungen - und immer war ich dabei ein Mann. Nebenher versuchte ich noch, das Studium auf die Reihe zu bekommen. Leider Fehlanzeige.
In dieser Zeit hatte ich auch zum ersten Mal Sex - mit 23 reichlich spät. In dieser Hinsicht liess ich es gewaltig krachen. Zeitweise hatte ich drei Männer gleichzeitig laufen, jeder wusste vom anderen, es war ein kleiner Harem. Viel Gefühl war aber nicht dabei. Einer von den dreien war auch sonst ein guter Freund, mit dem ich einige Male sehr gute Gespräche hatte.
Die einmal gewonnene Erkenntnis - nämlich dass ich trans* bin - konnte ich nicht mehr aus meinen Gedanken verbannen. Fast täglich konnte ich Eigenschaften an mir feststellen, Erlebnisse aus der Vergangenheit hervorkramen, die zu einem Jungen/Mann besser passten als zu einem Mädchen/Frau. Als es mal wieder besonders drängend war, wagte ich ein Gespräch mit diesem guten Freund. Ich fragte ihn, ob es möglich sein könnte, dass ich ein Mann wäre. Antwort: "Du brauchst nur mal einen richtigen Mann, der Dich richtig fickt, dann bist Du schon eine Frau!"
Das hat mich damals ganz schön fertig gemacht. Ich dachte danach wirklich, dass ich spinne. Reif für die Klapsmühle. Wenn schon einer, der mich kennt, sagt, dass ich doofe Gedanken habe - warum soll es dann nicht stimmen? Und vielleicht habe ich mir das wirklich nur ausgedacht?
Einige Monate später - ich hatte nie mehr wieder den Versuch unternommen, auch nur mit irgendjemandem über dieses Thema zu sprechen - war mal wieder Jahreswende angesagt. Ich war gefrustet, wollte endlich einen festen Freund, aber auch einfach mal was erleben. Halb aus Jux, halb aus Ernst setzte ich in den "Prinz" eine Kontaktanzeige. Ziemlich verwirrend, aber sehr genau beschrieben, was ich mir vorstellte. Unter anderem wollte ich einen Mann, der bisexuell ist. Wenn ich schon nicht selbst als Mann mit einem Mann ficken konnte, dann wollte ich wenigstens zugucken.
Es kamen gut 30 Antworten, davon die meisten Schrott. Vielen antwortete ich per Brief höflich, dass es wohl nichts werden würde. Mit vier Männern hatte ich Dates, einen wollte ich treffen, aber er hatte nie Zeit, da er ständig auf Geschäftsreisen war.
Drei der vier Typen haben sich als absolut unsympathisch herausgestellt, der vierte war zwar nicht unbedingt mein Alter (21 Jahre Unterschied!), aber genau meine Wellenlänge. Und er wohnte nicht weit weg von meiner ersten Münchener Adresse.
Schon nach dem zweiten Treffen übernachtete ich spontan bei Roland; er fragte mich, ob ich nicht auch den Tag über bei ihm in der Wohnung sein will, am Abend, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, da sein und zusammen mit ihm essen. Ich bekam seinen Wohnungsschlüssel und schlief seither kein einziges Mal mehr in der Studentenstadt. Ich tauchte dort nur noch auf, um zu waschen oder ein Buch zu holen etc. Nach zwei Wochen lebten wir bereits wie ein altes Ehepaar zusammen: wer schläft auf welcher Bettseite, wer geht zuerst ins Bad, wer mag was zum Frühstück....? Mittlerweile sind wir schon seit über 3 Jahren ein Paar.
Nach zwei oder drei Wochen Beziehung hat mich Roland mal gefragt, warum ich denn einen bisexuellen Mann wollte. Ich sagte, dass ich wahrscheinlich ein Mann bin; und wenn das wirklich wahr ist, dann will ich ihn nicht verlieren, nur weil ich ein Mann werde, er aber ausschliesslich auf Frauen steht.
Leider haben wir beide trans* nicht ernst genommen, haben es überspielt, taten so, als sei es nicht da. Ich wollte zeitweise sogar ein Kind von ihm, dann alternativ eine Katze (ging nicht wegen den Vermietern). Ich versuchte noch einmal krampfhaft, eine Frau zu sein: ich kaufte mir im Sommer ein Kleid, trug MakeUp auf, zog mir (für meine Verhältnisse) hochhackige Schuhe an. Es nutzte nichts.
Voriges Jahr (also 1999) im Frühjahr hatte ich immer mehr das Gefühl, dass ich immer mehr ein Theaterstück spielte. Ich war nicht ich selbst. Ich versuchte eine Rolle auszufüllen, die nicht zu mir passte. Ich war unruhig, konnte nachts kaum schlafen, lag grübelnd im Bett. Tagsüber dann konnte ich mich nicht aufraffen, irgendetwas zu tun, holte den fehlenden Schlaf aus der Nacht nach. Ich wurde gereizt, keifte durch die Gegend, raunzte bei jeder Kleinigkeit meinen Freund an. Ich konnte mich nicht mehr ausstehen.
Anfangs erklärte ich mir alles damit, dass es halt an der Uni nicht so lief, und dass Roland jede Nacht schnarchte, dass die Wände wackelten. Aber nach und nach musste ich mir selbst zugeben, dass es an mir lag: ich bin trans*. Es hat mich ziemlich fertig gemacht - was sollte man schon tun, damit ich ein Mann werden könnte? Von Operationen bei Transfrauen hatte ich schon gehört - aber Männer?
Ich begann, im Internet nach Informationen zu suchen - und fand eine Menge! Ich erfuhr, dass ich nicht allein bin. Das war das allerwichtigste überhaupt! Ich bin nicht verrückt!
Anfang Juli rief ich bei der Viva an - ich wusste, dass ich unbedingt einen Psychotherapeuten brauchte. Ich musste einfach mit jemanden sprechen, der mich nicht sofort für total durchgeknallt hielt. Aus den Informationen aus dem Net wusste ich, dass nicht jeder Therapeut was über trans* weiss. Also brauchte ich mindestens eine Adresse in München.
Ich bekam drei, nur ein Therapeut war ein Mann. Ich wusste, dass ich nur mit einem Mann über meine Gefühle reden kann. Bei einer Frau wäre ich zu sehr reserviert. Also rief ich bei dem einen an - leider Fehlanzeige, der Anrufbeantworter sagte mir ständig, dass der gute Mann zur Zeit nicht zu sprechen ist. Einige Wochen danach wechselte der Spruch auf "Urlaub". Mist! Aber Anfang September sei er wieder da.
Kaum war es September, rief ich wieder an. Den ganzen August über hatte ich nur so rumgehangen, vergrub mich daheim, ging nicht raus, keifte Roland an. Er muss in dieser Zeit echt die Hölle durchgemacht haben. Jetzt hatte ich den Therapeuten endlich an der Strippe. Ich erzählte kurz, dass ich seine Telefonnummer von der Viva hatte und dass ich dringend mal mit jemandem sprechen müsse. Am nächsten Tag war es schon soweit!
Meinem Herzallerliebsten erzählte ich kurz, dass ich einen Termin beim Psychotherapeuten bekommen hätte. Er zog eine besorgte Schnute. Offensichtlich merkte er, dass es mir immer beschissener ging und ich kurz vor dem Zusammenbruch stand. Wir hatten im Juli kurz drüber geredet, als ich bei der Viva angerufen habe. Er wusste, worum es ging.
Der Termin selbst war eine Erleichterung für mich. Endlich nahm mich jemand ernst! Er fragte mich, seit wann ich das schon fühlte, wie es mir bisher gegangen ist und so weiter. Zu Anfang der Sitzung sollte ich mein Ziel der Therapie festsetzen. Ich wollte einfach nur sicher sein, dass ich wirklich trans* bin - zu Ende der Sitzung war ich im Grunde genommen überzeugt davon. Mir hatte wohl nur das für-voll-genommen-werden gefehlt. Ich wusste, dass ich nicht spinne!
Einige Tage später erzählte ich meinem besten Freund Michael von dem Termin. Ich wollte ihm sagen, dass ich ein Mann bin, und dass ich schwul bin. Es hat zwar einige Stunden gedauert, aber irgendwann war's raus. Aber das ist eine andere Geschichte. Meine anderen Coming Outs folgten innerhalb eines Monats. Ich wollte es plötzlich jedem sagen, und es ging von Mal zu Mal besser, leichter. Ich war richtig erleichtert. Und dass mich die meisten mit Henrik ansprachen, war das Schönste!
Seit dem Coming Out geht es mir wesentlich besser! Keiner meiner Freunde sagte, dass ich spinne oder dass ich wohl nur einen richtigen Mann brauche oder solch ein Quatsch. Von den falschen Freunden hatte ich mich rechtzeitig getrennt. Übrig blieben nur wenige, aber richtige Freunde, denen ich dankbar bin, dass sie für mich da sind. Und mein Freund Roland, der mich immer noch gern hat und mit dem ich immer noch eine Beziehung habe, auch wenn kein Sex mehr drin ist.

Diese Seite wurde im März 2001 erstellt von Henrik