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Dezember 2001

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Heute
will ich mal etwas Grundsätzliches zur Dauer und der Art und Weise
der Gutachten- und Indikationserstellung erzählen. Um es vorwegzunehmen:
ich bin nicht gerade erfreut darüber, wie es in München so abläuft.
Aber darüber soll sich jeder selbst sein Urteil bilden - ich erzähle
jetzt einfach mal, wie's bei mir abgelaufen ist. |
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Als
ich im Oktober '99 zum ersten Mal bei meinem Erstgutachter vorstellig wurde,
dachte ich, dass ich in etwa einem Jahr auf dem OP-Tisch liegen würde.
So dachte ich auch noch, als ich exakt 6 Monate später mit den Hormonen
anfing. Immerhin hatte der Gutachter gross verkündet, dass er sich
an diesen "Zeitplan" halten werde - nach 6 Monaten die die Hormone, nach
1 Jahr das Gutachten. Nach der Namensänderung dann gleich die Indikation.
Tja, leider rechnet ich es mir
zu schön aus. Zum Teil lag es an mir selbst: ich hatte zwischendurch
einen Durchhänger, brachte es nicht auf die Reihe, das Finanzielle
bei Gericht zu erledigen. Zum grossen Teil jedoch lag es meiner Meinung
nach an meinen Gutachtern, da diese entweder zu überlastet oder zu
schlafmützig waren. |
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Dr.
Kemper litt (und leidet wahrscheinlich immer noch) unter ständigem
Zeitmangel. Er hatte ein dermassen hohes Arbeitspensum zu bewältigen,
dass er pro Patient bei den Begutachtungsterminen nur etwa 5 Minuten Zeit
hatte - dafür musste man jedoch etwa 1 1/2 Stunden warten. Einmal
musste ich sogar 3 1/4 Stunden im Wartezimmer ausharren. Zu seiner Ehrenrettung
gebe ich aber auch zu, mal nach lediglich 20 Minuten bereits zu ihm vordringen
zu können.
Als Dr. Kemper endlich Anfang März
2000 vom Gericht die offizielle Beauftragung bekam (und somit die Sicherheit,
dass die Bezahlung gesichert ist), dauerte es noch einmal 1 1/2 Monate,
bis ich endlich das Gerichtsgutachten vorliegen hatte. |
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Mein
zweiter Gutachter, der auch mein Therapeut war, brauchte noch etwas länger.
Bei der Beauftragung durch das Vormundschaftsgericht musste er angeben,
wann er voraussichtlich das Gutachten fertiggestellt hat - er gab Mitte
April an.
Dieser Zeitpunkt verstrich, ohne
dass er auch nur andeutungsweise fertig war. Klar, auch er hatte noch andere
Dinge zu tun, wahrscheinlich auch weitere Gutachten zu verfassen, und sicherlich
war er zwischendrin auch mal im Urlaub...
Ich wurde jedenfalls im Mai reichlich
knatschig, rief wöchentlich im Gericht an, erkundigte mich immer wieder
nach dem Stand der Dinge, sowohl bei Gericht als auch bei ihm selbst. Im
Juni war ich dann dermassen sauer über die Verzögerung, dass
ich meinem Therapeuten auf dem Anrufbeantworter sprach - meiner Meinung
nach noch annehmbar, seiner Meinung nach schon ziemlich wütend. Tja,
er hatte mich noch nie anders als nett und lieb kennengelernt...
Jedenfalls war er leicht eingeschnappt.
Unsere Sitzung danach nutzten wir dann auch dazu, uns voneinander zu verabschieden.
Ich hatte der ganzen Trans-Sache nichts mehr hinzuzufügen, hatte keine
nennenswerten Probleme, die ich nicht auch alleine lösen könnte
- eine Therapie war also nicht mehr nötig. Er bot mir noch an, dass
ich - falls ich doch in der Folgezeit mal jemanden zum Reden bräuchte
- jederzeit vorbeischauen könnte. Nett von ihm!
Letzten Endes lag dann sein Gutachten
Mitte/Ende Juni bei Gericht vor. |
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Vom
Gericht her wurde alles nun schnell erledigt - Gerichtstermin sollte der
25. Juli 2000 sein. Aber darüber in einem anderen Tagebucheintrag! |
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Im
Juni 2000 hatte ich schon das Gefühl, dass ich von mir aus die Sache
mit den Operationen ein wenig vorantreiben könnte. Ein befreundeter
TM empfahl mir, einen Antrag bei der Krankenkasse zu stellen, auch wenn
ich die Indikationsschreiben nicht hätte. Die Krankenkasse sollte
die Indikationen selbst anfordern bzw. der MDK sich selbst ein Bild von
mir machen. Mit Elan machte ich mich an die Arbeit.
Leider wollte jedoch die AOK von
mir die Indikationsschreiben beigebracht haben. Kein Wunder - verlangten
die Ärzte ja auch DM 80.- pro Schreiben. Ich machte mir keine Illusionen
- Dr. Kemper würde erst nach der erfolgten Namensänderung die
Tastatur schwingen.
Mehr durch Zufall stellte sich
heraus, dass mein Zweitgutachter von der Krankenkasse/vom MDK nicht anerkannt
wurde. So ein Schiet! Ich musste zu zwei von drei Gutachtern, welche vorgegeben
waren: Dr. Kemper, Dr. Poland oder Dr. Vogel. Bei ersterem war ich zum
Glück gewesen. Aber der zweite?
Ich wählte Dr. Vogel aus -
ich hatte die Hoffnung, dass die beiden sich kennen und ich auf diese Weise
die dritte Begutachtung abkürzen könnte. Dr. Vogel spielte zu
meiner grossen Erleichterung mit - nach zwei Terminen und einer Schweigepflichtsentbindung
gegenüber meinem Therapeuten erstellt er in Rekordzeit das Indikationsschreiben. |
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Gleich
nachdem ich das Urteil von der Namensänderung hatte, rief ich in der
Praxis von Dr. Kemper an - jetzt sollte einem Indikationsschreiben nichts
mehr im Wege stehen! Dr. Kemper freute sich mit mir, beglückwünschte
mich und versprach, das Indikationsschreiben zu erstellen. Nach meinem
Eindruck aus früheren Gesprächen mit ihm sollte es nur noch Formsache
und somit keine grosse Angelegenheit sein, den Schrieb zu verfassen - entsprechend
schnell rechnete ich mit Post im Briefkasten.
Doch leider liess er sich diese
Mal noch mehr Zeit als bei der Erstellung des Gutachtens. Vielleicht hatte
er es auch zwischenzeitlich vergessen? Ich rief in der Praxis noch einmal
an. Das fruchtete leider auch nicht - nach wie vor blieb mein Briefkasten
leer.
Mitte November begann ich, ihm
gezielt auf den Wecker zu gehen. Ich hielt den psychischen Druck bald nicht
mehr aus, überlegte bereits, wie ich mich als Notfall bei Dr. Müller
einliefern lassen könnte. Ich war wie in alten Zeiten gereizt und
unausstehlich.
Dr. Kemper bekam nun alle zwei
Tage von mir fünf Faxe, auf denen Sachen wie "Wo bleibt die Indikation?"
stand. Irgendwann musste es ihm ja auffallen! Nach zwei Wochen, als immer
noch keine Reaktion = Indikationsschreiben zu sehen war, ging ich dazu
über, ihm anzudrohen für jede verstreichende Woche die Bezahlung
um DM 10.- zu kürzen. Nach 8 Wochen wäre er dann bei Null...
Keine Ahnung, ob es diese letzte Drohung war oder ob er es vorher schon
fertig hatte - am nächsten Tag war das Schreiben da. |
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Ich
war glücklich, dass ich endlich alle Unterlagen beisammen hatte! Doch
beim zweiten Blick las ich mit Schrecken, dass er mir neben der Transsexualität
ein Klinefelter-Syndrom diagnostizierte! Wie konnte das sein? Aus dem Biologie-Unterricht
wusste ich noch, dass das Klinefelter-Syndrom irgendeine Chromosomen-Abnormität
ist. Bis dato hatte ich immer gedacht, dass bei dem Gentest im Februar
2000 nichts herausgekommen war, Dr. Kemper aber nicht auf einem Ergebnis
bestand. Sollte er mir etwa das Klinefelter-Syndrom verschwiegen haben?
Welche Auswirkungen hatte es nun auf den weiteren Verlauf meines Umstiegs?
Ich beschloss, so rational wie
möglich die Lösung des Problems zu suchen. Erst einmal herausfinden,
was das Klinefelter-Syndrom genau ist! Ich kramte aus dem Bücherregal
mein altes Biologie-Buch aus der Kollegstufe heraus (damals war es gleich
nach uns ausrangiert worden - wir durften wenn wir wollten die Bücher
behalten). Hier stand nur wenig, aber für den ersten Moment ausreichend:
"beim XXY-Typ sind die sekundären Geschlechtsmerkmale männlich,
es treten eunuchoide Züge mit hoher Stimme und geringem Bartwuchs
auf." In der Tabelle daneben stand noch "Männer mit Klinefelter-Syndrom
- zunehmend schwachsinnig [je mehr überzählige X-Chromosomen]"
Um ehrlich zu sein: ich war mir noch nie schwachsinnig vorgekommen - im
Gegenteil, ich hatte ja locker ohne viel Lernerei das Abitur geschafft.
Da konnte was nicht stimmen. Ausserdem waren meine sekundären Geschlechtsmerkmale
alles andere als männlich.
ich ging im Internet auf die Suche.
Bei der Deutschen Klinefelter-Syndrom
Vereinigung e.V. konnte ich explizit nachlesen, dass Männer
mit Klinefelter nicht unbedingt schwachsinnig sein müssen, jedoch
immer eindeutig männlich sind. Tja, da war wohl bei mir keine Rede
davon - eindeutig weibliches Erscheinungsbild... Es konnte sich nur um
ein Versehen von Dr. Kemper handeln. Wahrscheinlich ein falscher Textbaustein.
Trotzdem - ich war wütend.
Jetzt hatte er so lange Zeit gehabt, und dann wars immer noch falsch! Zudem
hatte ich Angst, dass der MDK bzw. die AOK sich bei einer solchen "Diagnose"
querstellen würden oder das gesamte Indikationsschreiben in Fragen
stellen würden. Ich rief also nochmal in der Praxis an und schnauzte
die (zugegeben: arme) Arzthelferin an, dass Dr. Kemper gefälligst
ein korrektes Indikationsschreiben machen sollte. Am nächsten Tag
war das richtige da. Das war an einem Dienstag. |
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Mittwoch
ging ich dann persönlich bei Herrn Fischer, meinem zuständigen
Sachbearbeiter bei der AOK München vorbei und überreichte alle
Unterlagen, die von ihm gefordert worden waren. Es stellte sich heraus,
dass Herr Fischer sogar Abteilungsleiter war - und sehr freundlich. Neben
den beiden Indikationen, von denen ich bereits mir Kopien gemacht hatte,
gab ich ihm auch noch Dr. Kempers sehr medizin-lastiges Gerichts-Gutachten
mit - vielleicht wollte der MDK mich dann nicht noch persönlich sehen?
Herr Fischer meinte, dass ich in etwa 3 Wochen erfahren sollte, ob der
MDK mich noch sehen will, oder ob die AOK die Kosten gleich so übernimmt. |
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Nach
3 1/2 Wochen hatte ich das heissersehnte Schreiben: die AOK übernahm
die beantragten Kosten! Jippieee! Mir fiel ein Stein vom Herzen Nun konnte
ich endlich Dr. Müller um einen OP-Termin bitten.
Gleich am nächsten Tag ging
ich persönlich in der Plastischen Ambulanz vorbei und gab die Kopie
der Kostenübernahme ab - die Arzthelferin war zwar wieder mal relativ
unfreundlich, jedoch konnte mich das in meiner Freude nicht kratzen. Zudem
war ich ja dieses Mal nicht davon abhängig, dass ich Dr. Müller
persönlich antraf. Ich bat die Arzthelferin nur, Dr. Müller um
einen OP-Termin zu bitten. |
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