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4. April 2000 - Meine erste Spritze!

Jippieeeee! Heute morgen um 9.15 Uhr war es soweit! Meine erste Testo-Spritze! Jeah! Jeah! Jeah!
Letzte Woche war ich mal wieder beim Psychotherapeuten. Er hat auch nachgefragt, wie oft ich jetzt zum Gutachter gehe, und ob ich mich mit ihm vertrage. Klar tue ich das, und ja, ich vertrage mich gut mit ihm. "Und nächste Woche werde ich mich hoffentlich noch besser verstehen!" - "Warum denn?" - "Na, weil ich dann endlich mein Testo haben will, sonst drehe ich noch durch! Noch einen Monat dranhängen halte ich nicht mehr aus!" - Grinsen vom Therapeuten "Da würde ich mir keine Sorgen machen..."
Nach diesem Gespräch war ich ziemlich sicher, dass ich am Dienstag Morgen meine heissersehnte Spritze bekommen würde - aber kleine Zweifel waren noch da.
Heute früh ging ich eigentlich wie ganz normal aus dem Haus. Keine Aufregung, kein spezielles Hochgefühl, kein transzendenter Astralkörper... Ich musste nur eine halbe Stunde warten, bis mich die Sprechstundenhilfe mit "Frau Haas, bitte!" (ich hätte sie auf der Stelle töten können) ins Sprechzimmer beförderte. Das Fenster stand offen, der Hinterhof leuchtete in der Morgensonne, der strahlend blaue Himmel war einfach eine Pracht. Und der Gutachter war gut drauf.
Wir hatten einen echten Smalltalk über das gute Wetter, dann über Psychotherapie im Alter. Danach stand er auf, wollte mich verabschieden. Ich konstant sitzen geblieben, grinste ihn an, meinte "das halbe Jahr ist jetzt um!"... Und er grinste ein Grinsen, so breit wie der Ganges.
Nachdem anscheinend klar war, dass der Gutachter schon seit geraumer Zeit davon überzeugt war, dass ich 100%ig ein Mann bin, wollte er nur noch das halbe Jahr abwarten - um seinen ganz persönlichen zehn Geboten der "Standards of Care" zu folgen. Ist zwar überflüssig wie ein Kropf, aber er hält daran fest.
Na, jedenfalls bekam die Sprechstundenhilfe die Anweisung mir 250er Testoviron zu spritzen. Kleine Gegenwehr von mir: "Ich dachte, dass man mit 100ern anfängt?" - "Nicht kleckern - klotzen!" war seine lapidare Antwort und schon war der nächste Patient im Zimmer und ich stand auf dem Flur.
Leider war in der Praxis kein Testoviron mehr vorrätig. Also bekam ich das Rezept in die Hand gedrückt und sollte erst einmal in der nächsten Apotheke einkaufen gehen.
Mittlerweile hatte ich ganz schön Hunger bekommen. Ich war ja fast ohne was im Magen aus dem Haus gegangen. Also machte ich für eine halbe Stunde Zwischenstation in der nächsten Bäckerei und genehmigte mir einen Milchkaffee und ein Croissant.
In der Apotheke holte ich nicht nur das Testoviron (warum bloss brauchte die Tusse so lange? die hat fast 5 Min nach dem Zeugs gesucht!), sondern auch gleich noch Calcium-Brausetabletten - wegen der drohenden Osteoporose. Ich habe zwar keine Knochendichtemessung machen lassen, aber wenn ich mir so meine weibliche Verwandtschaft angucke, dann dürfte ich mindestens gefährdet sein.
In der Praxis wieder angekommen - es war genau 9.15 Uhr - wurde ich in ein kleines Zimmer geführt. Hinter einem Mauervorsprung schauten die Beine eines anderen Patienten raus, davor eine Arzthelferin mit einem Messgerät. Abwartend stellte ich mich mitten in den Raum. Die will mir doch das Dings nicht etwa so zwischen Tür und Angel verpassen? Doch, wollte sie. Ich machte meine rechte Pobacke frei, so dass sie gerade mal eine freie Stelle finden konnte, und schon spürte ich das kalte Desinfektionsmittel. Wisch, wisch, und schon war die Nadel drin. Es piekte, aber nicht schlimm, und nach 10 Sekunden war alles vorbei. Hose hoch, fertig. In genau zwei Wochen darf ich wieder kommen, dann die gleiche Prozedur noch einmal. Die restlichen Ampullen, die ich in der Apotheke geholt habe, nahm ich lieber mit - was mir gehört, gebe ich nicht so schnell her, schon gar nicht, wenn's mein Testo ist.
Auf dem Nachhauseweg wurde ich richtig euphorisch. Zuerst gut gelaunt, dann dachte ich mir bei jedem Typen, der mir gefiel: "ich kriege Euch alle!", und als ich in meinem Viertel ständig Leute sah, die ich zumindest vom Sehen her kenne, wollte ich es sogar jedem am liebsten erzählen. Habe ich doch nicht gemacht, denn der erste war mein Herzchen Roland - am Telefon. Sein trockener Kommetar: "Na, das wird ja dann ein heisser Sommer!"
Eigentlich wollte ich mich noch ein oder zwei Stunden aufs Ohr legen - so früh aufstehen ist nichts für mich. Aber ich war einfach zu aufgekratzt. Ständig fingerte ich an die Einstichstelle, auf der Suche nach irgendwelchen Schmerzen. Nichts. Gut so, dann hat die Tusse wahrscheinlich richtig gestochen.
Also setzte ich mich an den Compu und schrieb ein paar euphorische Mails an meine Freunde.
Nachmittags fing mich der Alltagstrott wieder ein - Job in der Bibliothek. War aber gut so, denn sonst wäre ich noch ganz abgehoben.

Diese Seite wurde im März 2001 erstellt von Henrik