Das
Coming-Out fällt vielen von uns schwer, auch, wenn sich das Leben
danach wesentlich leichter lebt. Die Zeit des Versteckens und der Schauspielerei
ist vorbei; endlich kann man zum grossen Teil sich so verhalten, wie man
sich fühlt.
Jeder
wird wohl mit mir einer Meinung sein: Je nach "Opfer" ist das Coming-Out
mal leichter, mal schwerer zu handhaben. Besonders fühlige Mitmenschen
sagen es einem mitunter sogar auf den Kopf zu, dass man lieber ein Junge/Mann
wäre. Andere wieder fallen aus sämtlichen Wolken oder halten
einen für vollkommen durchgeknallt.
Einigen
scheint das Coming-Out am Arbeitsplatz mehr als unangenehm. In Gedanken
spielen sich die reinsten Horrorszenarien ab - die konservativen Kollegen
mobben einen nach Strich und Faden, der Vorgesetzte hat schon die Kündigung
parat. Was wird die Zimmerkollegin sagen? Wer wird sich in der Mittagspause
noch mit mir an einen Tisch setzen? Wo soll ich in Zukunft auf die Toilette
gehen? - Die Arbeit an sich, die geleistet wird, kann man erledigen, so
wie bisher auch, aber was ist mit dem ebenso wichtigen Arbeitsklima?
Sogar
Psychotherapeuten und Gutachter tragen diesen Sorgen Rechnung und nehmen
bei einigen Fällen das gesamte Arbeitsumfeld aus dem fast schon obligatorisch
gewordenen Alltagstest aus - manchmal durchaus zu Recht, wie einige negativ
verlaufene Geschichten beweisen.
Dennoch
konnte ich persönlich nicht umhin, bei meinem Job (studentische Hilfskraft)
in der Bibliothek der Uni endlich einmal Bescheid zu sagen. Oder wie sollte
ich es erklären, wenn ein Bekannter von mir in der Bibliothek anruft
und "Henrik" verlangt? Oder gar mich besucht und strahlend "Hallo Henrik"
plärrt? Ausserdem hätte ich wahrscheinlich eh nicht ertragen
können, ständig mit meinem Mädchennamen angesprochen zu
werden.
Doch
wie sollte ich es anfangen? Ich hielt erst einmal Beratung mit meiner besten
Freundin Martina ab - sie arbeitete auch dort, sogar länger als ich.
Wir waren uns einig: zuerst der Chefin, Frau MacKenzie - eine Engländerin,
die nachmittags ihren Tee trinkt. Das kann ja heiter werden... Danach erst
die anderen "Hauptamtlichen", vielleicht später dann die anderen studentischen
Hilfskräfte - wenn überhaupt.
Ich
bin also eines Tages etwas früher zur Arbeit erschienen, ging zu Frau
MacKenzie's Büro, stellte mich wie üblich, wenn ich was will,
in die Tür. "Haben Sie Zeit für mich? Ich müsste was besprechen..."
war mein Einleitungssatz. Eigentlich hatte sie keine Zeit, denn in 10 Minuten
waren Leute von der Universitätsbibliothek angesagt. Ich wollte schon
gehen, die Sache (dankbar) auf später verschieben. Aber meine Chefin
roch wohl Lunte - jedenfalls war sie wie der Blitz um mich rum, schloss
mit Nachdruck die Tür und meinte "Aber andeuten können Sie mir
schon mal... Nehmen Sie doch Platz!"
Tja
- wie sollte ich da was andeuten??? Und das in 10 Minuten? Ich beschloss
spontan, einen Direktangriff zu starten, gleich zur Sache zu kommen - vielleicht
war sie ja so geschockt, dass sie erstmal gar nichts sagte? Ich also "Na
ja... ich will in Zukunft "Henrik" genannt werden..." - kurze Stille, Warten,
was sagt sie?, ist sie sprachlos vor Entsetzen? - statt dessen ein offener,
aber auch verständnisloser Blick von ihr: "Ja, und?" - was ja und?
keine Fragen? kein warum wieso weshalb? kein wie können sie uns das
nur antun?...
Im Endeffekt
lief es so ab, dass es für Frau MacKenzie in keinster Weise ein Problem
darstellte, was ich als Privatperson mache - hauptsache, ich bin weiterhin
ein guter Mitarbeiter. Die Umstellung vom Mädchennamen auf den Männernamen
plus die dazugehörigen Pronomina würde zwar ab und an noch zu
Versprechern führen, aber alles andere wäre kein Problem... Im
Gegenteil: sie fragte mich auch, wer von den anderen "es" schon wüsste
- ausser Michael und Martina noch keiner. Meine Chefin bot mir dann sogar
an, auf der Personalversammlung am nächsten Tag (davon wusste ich
nichts - betrifft ja nur die Hauptamtlichen) das anzusprechen. Was will
man mehr? Ich war überglücklich...
Ach ja,
ich fragte sie dann, warum sie gar so cool reagiert hat - kommt ja nicht
alle Tage vor, dass jemand mit solch einem Anliegen zu einem kommt. Ihre
Antwort: "Ach, Sie sind nicht der erste in der Bibliothek, der das macht
- wir kennen das schon" DAS hat mich vom Hocker gehauen... |