Henrik's Transgender-Seite

Startseite von Henrik's Transgender-Seite
Webseite
des
Stammtisch
Wissens-
Wertes und Tipps

Psyche
Links
Mail an Henrik
und
Kontakt
 
 
 
 
 

Selbsterkenntnisse

Das Coming-Out fällt vielen von uns schwer, auch, wenn sich das Leben danach wesentlich leichter lebt. Die Zeit des Versteckens und der Schauspielerei ist vorbei; endlich kann man zum grossen Teil sich so verhalten, wie man sich fühlt.
Jeder wird wohl mit mir einer Meinung sein: Je nach "Opfer" ist das Coming-Out mal leichter, mal schwerer zu handhaben. Besonders fühlige Mitmenschen sagen es einem mitunter sogar auf den Kopf zu, dass man lieber ein Junge/Mann wäre. Andere wieder fallen aus sämtlichen Wolken oder halten einen für vollkommen durchgeknallt.

Einigen scheint das Coming-Out am Arbeitsplatz mehr als unangenehm. In Gedanken spielen sich die reinsten Horrorszenarien ab - die konservativen Kollegen mobben einen nach Strich und Faden, der Vorgesetzte hat schon die Kündigung parat. Was wird die Zimmerkollegin sagen? Wer wird sich in der Mittagspause noch mit mir an einen Tisch setzen? Wo soll ich in Zukunft auf die Toilette gehen? - Die Arbeit an sich, die geleistet wird, kann man erledigen, so wie bisher auch, aber was ist mit dem ebenso wichtigen Arbeitsklima?
Sogar Psychotherapeuten und Gutachter tragen diesen Sorgen Rechnung und nehmen bei einigen Fällen das gesamte Arbeitsumfeld aus dem fast schon obligatorisch gewordenen Alltagstest aus - manchmal durchaus zu Recht, wie einige negativ verlaufene Geschichten beweisen.

Dennoch konnte ich persönlich nicht umhin, bei meinem Job (studentische Hilfskraft) in der Bibliothek der Uni endlich einmal Bescheid zu sagen. Oder wie sollte ich es erklären, wenn ein Bekannter von mir in der Bibliothek anruft und "Henrik" verlangt? Oder gar mich besucht und strahlend "Hallo Henrik" plärrt? Ausserdem hätte ich wahrscheinlich eh nicht ertragen können, ständig mit meinem Mädchennamen angesprochen zu werden.
Doch wie sollte ich es anfangen? Ich hielt erst einmal Beratung mit meiner besten Freundin Martina ab - sie arbeitete auch dort, sogar länger als ich. Wir waren uns einig: zuerst der Chefin, Frau MacKenzie - eine Engländerin, die nachmittags ihren Tee trinkt. Das kann ja heiter werden... Danach erst die anderen "Hauptamtlichen", vielleicht später dann die anderen studentischen Hilfskräfte - wenn überhaupt.
Ich bin also eines Tages etwas früher zur Arbeit erschienen, ging zu Frau MacKenzie's Büro, stellte mich wie üblich, wenn ich was will, in die Tür. "Haben Sie Zeit für mich? Ich müsste was besprechen..." war mein Einleitungssatz. Eigentlich hatte sie keine Zeit, denn in 10 Minuten waren Leute von der Universitätsbibliothek angesagt. Ich wollte schon gehen, die Sache (dankbar) auf später verschieben. Aber meine Chefin roch wohl Lunte - jedenfalls war sie wie der Blitz um mich rum, schloss mit Nachdruck die Tür und meinte "Aber andeuten können Sie mir schon mal... Nehmen Sie doch Platz!"
Tja - wie sollte ich da was andeuten??? Und das in 10 Minuten? Ich beschloss spontan, einen Direktangriff zu starten, gleich zur Sache zu kommen - vielleicht war sie ja so geschockt, dass sie erstmal gar nichts sagte? Ich also "Na ja... ich will in Zukunft "Henrik" genannt werden..." - kurze Stille, Warten, was sagt sie?, ist sie sprachlos vor Entsetzen? - statt dessen ein offener, aber auch verständnisloser Blick von ihr: "Ja, und?" - was ja und? keine Fragen? kein warum wieso weshalb? kein wie können sie uns das nur antun?...

Im Endeffekt lief es so ab, dass es für Frau MacKenzie in keinster Weise ein Problem darstellte, was ich als Privatperson mache - hauptsache, ich bin weiterhin ein guter Mitarbeiter. Die Umstellung vom Mädchennamen auf den Männernamen plus die dazugehörigen Pronomina würde zwar ab und an noch zu Versprechern führen, aber alles andere wäre kein Problem... Im Gegenteil: sie fragte mich auch, wer von den anderen "es" schon wüsste - ausser Michael und Martina noch keiner. Meine Chefin bot mir dann sogar an, auf der Personalversammlung am nächsten Tag (davon wusste ich nichts - betrifft ja nur die Hauptamtlichen) das anzusprechen. Was will man mehr? Ich war überglücklich...

Ach ja, ich fragte sie dann, warum sie gar so cool reagiert hat - kommt ja nicht alle Tage vor, dass jemand mit solch einem Anliegen zu einem kommt. Ihre Antwort: "Ach, Sie sind nicht der erste in der Bibliothek, der das macht - wir kennen das schon" DAS hat mich vom Hocker gehauen...

 

Diese Seite wurde im März 2001 erstellt von Henrik